"Ich bin nicht kreativ, das ist nur Notwehr"
Das war der Claim, der sich in mein Hirn reinfrass. Gesungen in einem Lied der Demoperformancegruppe "Hysterisches Globusgefühl". Laut Wikipedia ist das Globussyndrom aka Globus Hystericus "hauptsächlich durch das Gefühl gekennzeichnet, bei sonst unbehindertem Schluckakt einen Kloß im Hals zu haben und eventuell auch schlechter atmen zu können. Bei einem Globussyndrom ist das Schlucken von Speichel bzw. das leere Schlucken unangenehm oder schmerzhaft, das Atmen kann als erschwert und anstrengend empfunden werden. Ein Zwang, sich zu räuspern und geringfügige Stimmstörungen können ebenfalls bestehen." Die vier Performerinnen haben nämlich das Gefühl, einen Kloß zu haben, weil ihre Kunst in meinen Augen sehr kritisch ist, was ich feiere und befürworte.
Auf ihrer Facebookseite beschreiben sich die scharfsinnigen Künstler_innen wie folgt: "Die vier Performerinnen aus Erlangen, Giessen, Berlin und Wien haben sich im Januar 2011 zusammengetan, um auf die zunehmende Entpolitisierung und die daraus folgende Resignation zu reagieren.In ihren Performances suchen sie nach Alternativen, sich angesichts der diffusen politischen Verhältnisse zu positionieren. Die Frage nach bewusstem Handeln, politischer Interaktion sowie der Relevanz von Problemen und Handlungen steht im Zentrum ihrer Arbeit. Gesellschaftliche Räume und öffentliche Plätze werden dabei zu Orten einer neuen “Theater-Realität” umfunktioniert." Und ich finde, zwischen der Eigenwahrnehmung und meiner persönlichen Rezeption ihrer Demoperformance besteht keine Diskrepanz. Aber dazu später mehr. Siehe auch:
http://hysterischesglobusgefuehl.wordpress.com/
https://www.facebook.com/pages/Hysterisches-Globusgef%C3%BChl/224703980916725
Zuerst möchte ich den Aufbau der Demoperformance beschreiben. Spielort war die Bochumer Innenstadt um die Pauluskirche. Man kann die Aktion als Intervention beschreiben, da sie weder angemeldet noch wirklich beworben wurde. Zentrum war ein Bulli; daneben stand ein Rednerpult und vorbeigehende Passanten konnten sich auf Zeitungsstapel setzen und dem Gesang, den Reden, den Diskussionen der Performer_innen lauschen und ein Teil des Demonstrationszugs sein. Einer der Hauptaussagen der Performance war "Macht was! Macht nichts!" Von daher wurden die Lieder und Reden von Situationen aufgelockert, wo die Performer_innen sich einfach irgendwo hinstellten, hinsetzten und nichts taten. Oder Leute beobachteten. Wo wir dann bei den Passanten wären. Da war alles dabei. Wenige Lichtblicke, die sich mit der Idee solidarisiert haben. Dann einige mit höflichem Interesse. Und dann aber auch die offene Ablehnung einiger Passanten. Man hörte Sachen wie "So dürfen sie nicht rumlaufen", "Das ist ja nur Bla bla Bla" oder "Ich hole einen Eimer Wasser oder die Polizei, sie verschrecken ja die Kinder" verbunden mit gewaltätigen Entfernungsversuchen. ich persönlich fand diese Reaktionen sehr unbehaglich, denn diese Passanten haben anscheinend nicht zugehört und nicht verstanden, dass die Performer_innen einfach Gesellschaftskritik ausübten und zum Reflektieren anregen wollten.
Kommen wir zur Metaebene. Diese Aktion kritisiert ganz viele Sachen. Meiner Wahrnehmung nach zu aller erst die Kommerzialisierung der Kunst, die von Institutionen und der Politik als Tool benutzt wird, um vorhandene Strukturen zu zementieren und um weiterhin Menschen zu manipulieren und zu lenken. Dann geht es auch darum, dass es als Mensch nicht leicht ist, in einer pluralisierten und überkomplexen Gesellschaft zu leben. Über alles soll man eine Meinung haben, am Besten soll man vegan leben, spenden, Revolutionen in der Dritten Welt unterstützen, sich für Gemeinnütziges im eigenen Umfeld engagieren, Fair Trade kaufen, Bio, politisch aktiv, die Finanzkrise bekämpfen etc pp. Aber allzu häufig kommt man an seine Grenzen. Man entfremdet sich von seinen Zielen, die Aktivitätsspirale scheint ins Nichts zu führen, denn man verändert nichts und glücklicher und zufriedener ist man dadurch auch nicht. Es wird unsere gesellschaftliche Maskerade dekonstruiert, man wird quasi gezwungen, sich mit sich selber auseinanderzusetzen und zu hinterfragen: was mache ich da eigentlich?
Ich finde, die Aktion war sehr politisch, politische Kunst eben, verknüpft mit theatraler Agitation. I LIKE!!!! Denn nach der Aktion saßen diese tollen Menschen in meinem Wohnzimmer, wärmten sich mit Tee und Kaffee auf und wir hatten noch wirklich gute, politische, kritische Diskussionen. Nochmal Danke dafür. Ich habe so viel Input bekommen, dass ich wahrlich sagen kann: "Ich fühle mich wohl."
Menschen, wacht auf!
Deniz Bulan für megaFon 2012




Zeitreisen für Anfänger_innen!megaFon ist experimentierfreudig. Deshalb berichte ich jetzt über etwas wirklich außergewöhnliches. Das Duo Elektro Renate wird zu Zeitzeug_, in dem sie Zukunfts-Vergangenheits-Zeug sammeln. Ich erkläre das Experiment einmal: Das Ganze hat eine Dauer von einem Jahr und soll ein dynamisches Museum darstellen. Jede_r Interessierte_r bekommt eine Zeitkapsel, die man im Hier und Jetzt, was dann aber sofort Vergangenheit wird, mit etwas befüllt, was einem gerade so beschäftigt. das kann wirklich alles sein, außer Verderbliches etc. Man will ja nicht, dass die nächste Person, die die Zeitkapsel bekommt, sich übergeben muss. Im Internet auf www.dynamischesmuseum.tumblr.com schreibt man dann etwas zu dem Inhalt oder über sich. Der Phantasie und Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt. Diese Webseite dient somit als Dokumentationsplattform und dem Austausch der Teilnehmer_innen. Man gibt danach die Zeitkapseln weiter, bekommt eine Neue, befüllt sie wieder, dokumentiert und das wiederholt sich dann ein Jahr lang. Die Zeitkapseln gehen somit auf eine Reise und kommen nach Ablauf eines Jahres wieder zusammen, denn bis dahin waren diese Zeitkapseln Zeugen unserer Gegenwart. Wieder zusammengekommen, werden wir entdecken, welche Erlebnisse und Geschichten uns diese Zeitzeug_ erzählen. Natürlich besteht die Gefahr, dass diese Aktion im Sande verläuft, aber auch das wäre okay, denn das Ende ist offen gehalten, weil es nun mal ein Experiment ist. Freitag, 15. JuniDu bist ein Haus, ein Dach aus Liebe"Schlagzeug (AT), ein mittelguter Musikabend" so lautet der Titel der Performance von Falk Rösler, Stephan Dorn und Nele Stuhler, Studierenden der Angewandten Theaterwissenschaft aus Gießen. ABER: Dieser Titel wird dem, was uns da heute geboten wurde wirklich nicht gerecht. In der Christuskirche erlebten die Zuschauer_innen ein Feuerwerk an musikalischem Können, gewandtem Wortwitz, Selbstironie und kluger Persiflage der Musikszene. So unpassend eine Kirche als Konzertsaal scheinen mag, für dieses Stück konnte es kaum eine bessere Location geben. Das Konzept, die Zuschauer_innen hinter die Bühne zu setzen und so die Perspektive der Auftretenden Künstler_innen einzunehmen ging voll und ganz auf. Mit viel Witz und verblüffenden Ideen - einem Schlagzeug aus Schrott, einem ausgehöhlten Fernseher, Sieb und Kronenkorken als Percussion-Instrument und einem T-Shirt als Maske, um nur einige zu nennen - gaben die Künstler_innen zwei alternde Musiker zum besten, die wehmütig auf ihre zwanzigjährige Karriere zurückblicken und dabei, wie eine hängen gebliebene Schallplatte, immer wieder ihren großen Hit referieren. Und dieser hat es wirklich in sich. Schon beim zweiten Mal summen vereinzelte Gäste mit, später stimmen viele in den eingängigen Refrain mit ein: "Du bist ein Haus, ein Dach aus Liebe. Und ich dein Mitbewohner. Und morgen zieh ich ein." Bereits beim Verlassen des Saals konnten viele nicht an sich halten und sangen ungehemmt. Ein echter Ohrwurm aus der eigenen Feder der drei Künstler_innen. Hut ab!
Von Liebe und SoundsLiebe Menschen, ich schreib mir wirklich einen Wolf. Man muss ein richtiges Organisationstalent sein, um zu managen, wie man sich erst all die Performances anguckt und Events, Aktionen und Installationen, um dann ganz schnell die Notizen zu ordnen, um dann die Blogeinträge zu verfassen, um dann wieder weiter zu hechten, um rechtzeitig am nächsten Spielort zu sein. Aber ich will nicht meckern. Obwohl sich mein Hirn so langsam anfühlt wie eine ausgepresste Zitrone, muss ich doch sagen, dass mir diese Tätigkeit riesig Spaß macht und ich hoffe, dass ihr die verfassten Zeilen mit regem Interesse liest.
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