Liebe Menschen, unser wunderschönes Festival ist leider vorbei, was aber nicht heisst, das wir nichts machen oder untätig sind. Denn ich hatte das grosse Glück, unsere tolle Bahar Altinsoy interviewen zu dürfen. Bahar studiert Kommunikationsdesign in Dortmund. Und ich muss sagen, i was impressed. Die Mischung aus Bescheidenheit und wirklich extrem anziehender Kreativität war schier unglaublich. Deshalb waren wir sehr stolz, dass Bahar unser Festivalzentrum, sprich das Schaufenster und eine Lampe, dekoriert hat und natürlich die Räume der Rotunde für die megaFon-Abschlussparty. Die Vita von Bahar liest sich sehr chic: Handwerklich talentiert wegen einer Bauzeichner_innenlehre und Architekturstudium, entschloss sich Bahar dann doch Objekt- und Raumdesign zu studieren, was in meinen Augen eine sehr gute Wahl war. Die Designerin hat schon für diverse Schauspielhäuser wie Bochum, Essen und Düsseldorf gearbeitet und auch an vielen Events und Ausstellungen mit ihren Installationen teilgenommen. Inspiriert wurde Bahar durch die Arbeiten von Tom Price, tree installation bzw retaldesign. Der Reiz ihrer Installationen entsteht durch das Verwenden von eher unscheinbaren Materialien, denn die Künstlerin mag es, aus Alltags- und Gebrauchsgegenständen wirklich dynamische, interessante und neu somit erfahrbare Installationen zu erschaffen. Als Idee für unser Festival verwendete Bahar ganz unscheinbare weisse Pappbecher in grosser Anzahl. Denn die Masse macht`s. Durch Akkumulation eben dieser, zusammengehalten durch das Tackern, wurde Bahar ihrem türkischen Vornamen gerecht (Bahar steht für Frühling) und zauberte eine surreale wunderschöne Welt aus zig angehäuften Pappbechern, die wie futuristische Gebilde aussahen und dank der tollen LED-Belichtungen in Türkis und Lila und Weiss, übrigens meine Lieblingsfarben, entstand eine wirklich anziehende Welt, die irgendwie nicht von dieser Welt schien. Neben all dieser Kreativität war es schön, Bahar beim Arbeiten zuzusehen, denn trotz der anstrengenden Arbeit sprudelte die Gute nur so voller guter Ideen und das Besondere war, dass sie trotz der Druckstellen an den Händen wegen des Verklebens und Tackerns immer einen Witz auf Lager hatte und auch sonst mit ihrem lebhaften und anziehenden Wesen uns alle erfreute. Ganz ehrlich? Ich würde alles dafür geben, wenn Bahar meine Bude verschönern würde. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass mich das Endergebnis der Installation sprachlos zurückgelassen hat und auch all unsere Gäste der Abschlussfeier werden das bestätigen.
Euer Deniz Bulan für megaFon 2012  
Liebe Festivalinteressierte!!! Mein jetziger Blogeintrag wird wahrscheinlich etwas wirr. Aber ich bin erschlagen von den Eindrücken, die ich aus der Performance "minima sanguinalia - ein stück für keine_n" vom Institut für translinguistische Körperforschung mitgenommen habe.
Nun zur Vorgeschichte. Das Lustige an der ganzen Sache ist, dass der Performer Leander und eine seiner Helfer_innen, nennen wir sie einfach Amok aus Paris, und meine Wenigkeit letzten Sommer in Leipzig lustwandelten. Da wir uns alle als queere Postfeminist_innen sehen, gerne einmal einen Slutwalk in Teheran starten würden und anderen Schabernack treiben, kamen wir auf dieser kleinen Reise natürlich auf die Idee, das "Institut dür translinguistische Körperforschung" zu gründen. Und siehe da, Leander hat es nicht vergessen und sich über dieses Institut bei uns beworben. Und als die Bewerbung im April im Megafon-Büro eintrudelte, waren wir alle schon etwas ratlos.Das Konzept passte hervorragend zu unserem Manifest, aber so richtig vorstellen konnten wir uns es nicht. War es nun Lecture oder Performance oder einfach nur Trans?
Von daher war ich so richtig gespannt auf die Performance in der Rotunde. Das vielleicht Erstaunlichste an dieser Performance war die Länge. Die konnte man nicht genau definieren. Die Performance endet dann, wenn niemand mehr im Zuschauerraum sitzt.
Grandios war schon allein das Bühnenbild. Ranzig und chaotisch war es. Mit einer freien Küche auf dem Boden, dargestellt von zwei Herdplatten, einem Schreibtisch mit Notebook drauf und diversen anderen Sachen. Spiegelscherben, die an die Wand angelehnt waren; auf dem Boden lagen ausgetragene Klamotten, ausgelatschte Pumps, containerte Lebensmittel, Plakate von Wurstwaren, die man recht günstig erwerben kann und überall Deutschlandfahnen. Allein das weckte in mir Assoziationen wie Konsum- und Wegwerfgesellschaft, Heteronormative und Nationalismus.
Jetzt zur Performance. Die ist eigentlich schwer zu beschreiben, weil es diesen Rahmen sprengen würde. Man könnte wirklich dutzende von Seiten füllen. Denn es passierte ziemlich viel. Und ziemlich viel unterschiedliches. Es hatte eben den Charakter einer Collage. Ironisch und abwechslungsreich dargeboten, die viele Lacher auslösten. Zum Beispiel das Vorlesen der Twitter-Posts von Erika Steinbach, die ja wirklich gar nicht geht. Ich möchte in der starren Welt, in der sie haust, nicht leben. Dürfte ich ja auch nicht, als Mensch mit Migrationshintergrund. Ferner liefen unkonventionelle elektronische Musikstücke wie das Star-Wars-Theme. Dann wurden per Beamer sogenannte Tutorials aus youtube an die Wand projiziert, in der wirklich gruselige Protagonist_innen Schminktips zum Besten gaben, die wirklich übertrieben waren. Das hat mir sehr gut gefallen, weil es wirklich sehr medienkritisch war und immer wieder die Frage aufgriff, wieso Frauen sowas eigentlich machen. Nebenher wurden von Amok aus Paris und Xaver Spargel gekocht und dem Publikum kredenzt, garniert mit unter anderem feinster Trüffelbutter aus der Mülltonne. Und immer wieder die Wörter "deutsch" und "Deutschland". Angereichert war das Ganze mit Texten, unter anderem einer kritischen Erörterung, wieso wir im Westen nur das binäre Modell von Geschlecht zulassen, obwohl es ja mehr als zwei Geschlechter gibt. Oder was man kulturhistorisch mit Blut verbunden hat. Ferner liefen noch ein wirklich trashiger Gay-Hardcore-Porno und ein Einblick in Leanders Familie anhand einer kleiner Diashow aus der Jugend seiner Eltern. All das wurde sehr witzig und intelligent präsentiert und das wirklich Beste war, dass das Publikum mitmachen konnte. Ob es nun Zwischenrufe waren, direktes Eingehen auf das, was vorne passierte, es wurde nicht abgeblockt. Vielmehr fühlte man sich ermuntert, einzugreifen, mitzumachen und so ein Teil der Performance zu werden. Grosses Lob deshalb an die drei Performer_innen, die flexibel darauf reagierten. Es ging auch eine Flasche mit Waldmeisterschnaps herum, um den Hals war eine Deutschlandflagge geknotet. Mir drängte sich sofort das Bild auf, wie wir jetzt alle das Blut Christi trinken oder durch das Teilen des Schnaps ein Mitglied der Volksgemeinschaft werden. Sehr zynisch, aber gut! Ein Höhepunkt war eine wirklich interessante Aktion. Eine examinierte Krankenschwester kam dazu und nahm Leander Blut ab, was am Ende zu einem Parfum destilliert wurde und in ein Flakon abgefüllt wurde, womit die Personen und die Bühne eingesprüht wurden. Vorher gingen noch alle Deutschlandflaggen im Publikum rum und wir konnten sie alle zerreissen bzw zerschneiden. Da ich ein grosser Fan von Eva Illouz bin, war ich natürlich glücklich darüber, das Xaver einen Artikel über ihr Buch "Warum Liebe wehtut" vorgelesen hat, der sich kritisch mit den Errungenschaften des Feminismus befasste. Die Performance endete gegen halb sieben. Das Konzept "Bis der Letzte geht" wurde dekonstruiert, denn am Ende fand noch eine Diskussion zwischen Performern und Publikum und den Performern als Publikum statt.
Ich war begeistert. Da war alles drin, was ich liebe. Neue Theaterkonzepte dank der Tatsache, dass das Publikum auch zu Performer_innen wird. Kritik an Gesellschaft, Hegemonialmacht, Genderpolitik, Rassismus, Nationalismus, binäres Geschlechterbild und Institutionen. Ergo ging es auch um LGBT, queere Lebensentwürfe, Postkolonialismus, Konsumkritik, Postmigration und Dekonstruktion von Althergebrachtem.
Abschliessen möchte ich diesen Eintrag mit einem Zitat aus dem Programmheft: "Und alles mit der Präambel, dass dem postfeministisch-queeren Menschen sich als Extremum ein Subjekt gegenüberstellt, "dass dadurch gekennzeichnet ist, dass es männlich[, weiß, heterosexuell und westeuropäisch] ist, sprechen kann, Fleisch isst, und eine Logik vertritt, die auf dem Prinzip der Widerspruchsfreiheit aufbaut."
Ich finde, das ist es wert, darüber nachzudenken.
Translinguistische Grüße,
Euer Deniz Bulan für megaFon2012
 
Liebe Menschen der Megafon-Wissenschaften,
der Samstag begann mit einer wundervollen Lecture-Performance von Marcel Wrzesinski, der nach seinem M.A. wirklich interessante Forschungen an der RUB betreibt. Spezialgebiet sind die Gender Studies. Der Titel der Veranstaltung war "Erinnerter Avantgardismus. (Sub-)kulturelle Vergegenwärtigung zwischen Retroperspektive und Prospektion." Was sich dahinter verbirgt? Um die Mechanismen retrospektiver Identitätsbildung ausgewählter Protagonist_innen der Ost-Berliner Mode-Performance-Szene der 1980er. Was sehr spannend ist, wenn man sich vor Augen führt, wie gleichgeschaltet die Ästhetik des (pseudo)-sozialistischen Konformismus war. Schlagwörter waren dabei die Kunst der Aufführung und die Markierung der Abweichung. Marcel skizzierte grob das Milieu um dann diese Strategien und Erinnerungen, die ja das Jetzt und die Zukunft beeinflussen und mit formen, um dann den Mensch als tendenziellen Zeitzeug_ der Zukunft ausweisen zu können.
Daer Vortrag war gut besucht. Die Plätze in der beliebten Goldkante im Herzen von Ehrenfeld waren voll und besonders gut gefallen hat mir die daran angeschlossene Diskussionsrunde mit dem Publikum. Hierbei wurde über Avantgardismus und Bohème diskutiert und die frage in den Raum gestellt, wie politisch Subkulturen sind bzw sein können bzw was Politik für Subkulturen bedeutet. Und wie das immer so ist, verliessen die diskussionsfreudigen Menschen das Leitthema, um allgemeiner über Subkulturen und Gesellschaften zu reden. Besonders spannend war die Diskussion bei der Frage, ob Performativität und Politik, die von vielen als nicht zusammenpassend und gegensätzlich wahrgenommen werden, sich nicht doch bedingen und gleichbedeutend sind.
Insgesamt also ein gelungener Start, Wissenschaft und Performance zusammenzubringen. Geistige Nahrung macht definitiv satt und glücklich!
Euer Deniz Bulan für megaFon2012
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